Storytelling Beispiel Digitalisierung

 

Piper und der Lauf der Zeit

Manchmal scheint die Zeit stillzustehen. Erstaunt reibt sich Piper die Augen und blickt sich in dem kühlen Zimmer um. Auf der hölzernen Kommode befindet sich neben der Topfpflanze etwas wirklich Außergewöhnliches. Piper glaubt ihren Augen nicht zu trauen, als sie das große Gerät als ein neumodisches Radiogerät erkennt. Nicht viele Haushalte haben das Privileg ein solches zu besitzen. Zugegeben, die Übertragung funktioniert nicht immer einwandfrei, doch man kann die wundervollsten Hörspiele damit erleben und oft wird auch Musik gespielt. Piper ist so begeistert, dass sie gar nicht bemerkt, dass Fräulein Hildegard bereits das Zimmer betreten hat. Die junge Sekretärin sieht wie immer wundervoll aus. Mit ihrem kastanienbraunen Bubikopf, dem grauen Kostüm mit pinken Elementen, eine Mischung ähnlich der Modelle der momentan sehr populären Modeschöpferinnen Coco Chanel und Elsa Schiaparelli, und ihrem Glockenhut, den sie immer auf dem stummen Diener neben ihrem dunkelblauen Mantel ablegt, wirkt sie unbeschreiblich mondän.

Allerdings erscheint der Ausdruck auf Fräulein Hildegards Gesicht heute anders als sonst. Die Augen sehen müde aus, die kleinen Fältchen rundherum tiefer und der Mund ist zu einem schmalen Strich gezogen. Mit energischem Schritt und kopfschüttelnd geht sie zu dem Kalender, der an der Wand hängt.

21.November 1927 Fräulein Hildegard reißt den ersten Zettel ab und legt damit das heutige Datum frei. 22. November 1927

Auf ihren hohen Stöckelschuhen schreitet sie zu ihrem Arbeitsplatz. Der Sessel aus Holz und der dazu passende Tisch sind zwar eher praktisch als hübsch, doch die Schreibmaschine ist von hervorragender Qualität und entspricht dem neuesten Modell.

Piper betrachtet Fräulein Hildegard weiter eindringlich während diese mit ihren manikürten Fingern einen handgeschriebenen Text abtippt.

„Wie gerne würde ich mit dieser Frau für einen Tag tauschen, statt ständig eingespannt in dieser Maschine festzustecken“. Traurig hängt Piper ihren Gedanken nach. „Ich bin ein Papier, weiter nichts. Zwar nützlich, doch nicht schön. Wie gerne wäre ich genauso geschmückt wie Fräulein Hildegard…“

Weiter kommt sie nicht, denn plötzlich spürt Piper einen unbeschreiblichen Schmerz. Das Ziehen und Stechen ist kaum auszuhalten und zunächst weiß sie nicht woher das kommt und was mit ihr geschieht. Doch bevor sie endgültig das Bewusstsein verliert öffnet sie noch einmal die Augen und erkennt die Ursache ihres Unbehagens. Zusammengeknüllt liegt Piper nun im Papierkorb und sinniert über Fräulein Hildegards wunderschöne Schuhe bevor sie endgültig wegdriftet.

„Und wie war dein Wochenende, Karl?“ lächelnd und hellwach betritt Henning das Büro. Sein Wollpullover und die Jeans passen perfekt zu der legeren Erscheinung des Ingenieurs mit dem lichter werdenden Haar.

„Danke, gemütlich. Ich habe mit meinem Nachbarn ein Videospiel ausprobiert. Der hat sich letzte Woche so etwas zugelegt.“ Grinsend schiebt sich Karl auf dem Schreibtischsessel vor und zurück. Der Lehrling ist noch nicht lange in der Firma, doch mit seinen Fähigkeiten und dem Drang immer Neues zu erlernen macht er sich gut. „Ach komm, hör mir mit diesem neumodischen Zeug auf.“ Genervt überdreht Henning die Augen bevor er erheitert hinzufügt: „Aber ich habe schon ein Glück mit dir – ich würde mit dieser Kiste – Computer genannt – oft verzweifeln. Jetzt muss ich mich aber an die Arbeit machen, den Bericht muss Frau Ellberg heute noch zur Post bringen. Sag mal, was machst du denn da?“

Verwundert blickt Henning Karl über die Schulter. „Ich versuche mich gerade an der Gestaltung einer eigenen Homepage. Siehst du, eine automatische Datenanzeige habe ich bereits programmiert– 22.November 1990.“

„Ich glaube nicht, dass sich dieses Internet oder wie das heißt jemals durchsetzt.“ Amüsiert schüttelt Henning den Kopf.

Noch im Halbschlaf verfolgt Piper die Konversation der beiden Männer. Langsam und unendlich erschöpft öffnet sie die Augen und blickt sich in dem großzügigen Büro um.

Drei Schreibtische, darauf drei große Geräte und drei rollbare Sessel zieren den Raum. Sonst ist er sehr schmucklos gehalten. „Wo bin ich?“ Verwirrt schaut Piper weiter umher. Sie scheint sich auf einem weiteren Tisch zu befinden und neben ihr erkennt sie ein seltsames Gerät. „Noch nie eine Kaffeemaschine gesehen?“ hört sie plötzlich jemanden unter ihr verkünden. „Ich weiß, nicht gerade ein Prachtstück, da gibt es mittlerweile bessere, aber immerhin.“ Verwundert sieht Piper wer sich gerade mit ihr unterhält. „Wohl nicht an Massenveranstaltungen gewöhnt. Ich bin übrigens Carto.“ Grinsend schaut ihr das Papier unter ihr direkt in die Augen. „Wir befinden uns in einem Drucker.“ erklärte Carto weiter und fügt etwas sarkastisch hinzu: „Vermutlich wurdest du wiedergeboren, von denen habe ich schon einige getroffen.“ Kurz und bündig erklärt Carto Piper was es mit diesen Druckern und Computern so auf sich hat und stellt ihr schließlich die anderen Papiere vor, die sich alle ebenfalls mit ihnen im Gerät befinden. Fasziniert lauscht Piper den Ausführungen als plötzlich eine Stimme ertönt. „Fertig.“ Henning erhebt sich vom Stuhl und bewegt sich in ihre Richtung. „Was passiert mit mir?“ Nervös und hektisch versucht Piper sich an Carto festzuhalten. „Gute Reise Lady, du wirst jetzt ausgedruckt!“ Mehr versteht Piper nicht mehr, sie spürt etwas Warmes nicht gerade unangenehmes auf ihrem Körper, dann sieht sie Henning ins Gesicht. Und plötzlich geht alles ganz schnell.

„Schon wieder verschmiert, furchtbar diese Tinte“ murrt der Ingenieur und da ist er wieder. Dieser ziehende, stechende Schmerz und bevor Piper begreifen kann, was da vor sich geht, schaut sie erschöpft auf Karls beschuhte Füße. Erneut ist sie im Papierkorb gelandet.

In Erinnerungen schwelgend betrachtet Laura die Fotos ihres letzten Urlaubs auf dem Smartphone. Noch vollkommen in Gedanken ertönt „This One’s for you“.

Lächelnd erinnert sich Laura, dass sie diesen Song heuer in Frankreich, während der EM, besonders oft gehört hat. Immerhin war es die offizielle Hymne der Fußballeuropameisterschaft 2016 und Emmas erster Urlaub in einem fremden Land. Doch diesmal kann sie nicht tanzend mitsingen, sondern es ist ihr Klingelton, der sie aus den Tagträumen holt. „Hallo Fabio, ich mail dir gleich den Bericht, das Bild für die neue Kampagne habe ich bereits auf Twitter, Instagram und Facebook gepostet.“ Ihren Geschäftspartner per FaceTime zugeschalten, klickt Laura sich schnell durch ihre geschäftlichen und privaten Social Media Accounts. „Du brauchst mir das Ganze nicht zu mailen, ich habe uns auf One Drive einen gemeinsamen Ordner unter dem Namen ‚Weihnachtskampagne 2017’ erstellt, da wird ab jetzt alles geteilt.“ Schon verabschiedet sich Fabio wieder. „Ich wäre jetzt auch gerne in New York. Wie spät ist es dort überhaupt?“ Laura öffnet die Welt Uhr auf ihrem Tablet. 22.November 2016, New York 10Uhr06.

Da erscheint ihre Tochter Emma in der Türe. „Mama, ich will etwas malen.“ Laura erhebt sich von ihrem Schreibtischsessel und hält Emma ihr I Pad entgegen. „Nicht so, richtig mit Farbstiften.“ Liebevoll lächelt Laura die Vierjährige an und verspürt plötzlich unendliche Dankbarkeit genau hier zu sein, bei ihrem Kind. Auch wenn sie sich oft in ferne Länder träumt, muss sie sich doch eingestehen, dass sie es liebt von zuhause zu arbeiten.

Piper, die alles gleichzeitig verwundert und begeistert von ihrem Platz in der Ablage auf dem Schreibtisch verfolgt und beobachtet hat, muss ebenfalls schmunzeln. Und ehe sie sich versieht, befindet sie sich in Lauras Hand und schließlich in Emmas. Das vierjährige Mädchen verabschiedet sich von ihrer Mutter und geht mit Piper in ihr Kinderzimmer.

„Soll ich dich schönmachen?“ Emma mustert Piper eindringlich. „Etwas Farbe würde dir stehen.“ Lächelnd vertieft sich das Mädchen in die Malarbeit. Piper genießt dieProzedur und als sie sich wenig später an der Küchenwand, gerahmt und aufgehübscht wiederfindet, kann sie sich eine Träne nicht verkneifen. Die Leute sagen zwar so oft früher war alles besser, denkt Piper glücklich, aber das stimmt nicht immer. Manchmal ist es perfekt wie es ist. Manchmal scheint die Zeit stillzustehen.

©t’inspiration

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